Mehr Pogo wagen. Wie progressiver Populismus die Demokratie beleben kann

Das neueste Buch von Marc Raschke hat mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben. Denn es stellt insbesondere eine Frage, die mir selbst auch unangenehm ist: Warum sind die „Linken“ (nicht gemeint: Die Linksextremen) eigentlich immer so „brav“ und kopfbetont? Am rechten Ende des politischen Spektrums wird munter mit Gefühlen und Halbwahrheiten hantiert und das kommt bei vielen halt doch besser an als, na ja, Excel-Tabellen darüber, wer das bessere Konzept hat.

Marc Raschke schlägt vor, dem rechten Populismus einen linken Populismus entgegenzustellen. Aber eben nicht irgendwie, sondern schon durchdacht, engagiert, und zum Positiven gewendet.

Dazu verwendet er ein Bild, das mir ehrlich gesagt erst einmal gar nichts sagte: Pogo. Ich musste erst mal nachschauen, was das eigentlich ist: Ein, sagen wir mal, sehr offener Tanzstil, kraftvoll, körperbetont und auch konfliktbereit. Aber gleichzeitig ist es beim Pogo so, dass niemand allein gelassen wird. Wer fällt, dem wird aufgeholfen. Die Menschen achten aufeinander. Es geht um die gemeinsame Erfahrung und darum, alle mitzunehmen.  „Dieses Gleichgewicht von Härte und Fürsorge macht den Pogo zum paradox solidarischen Ritual.“ 

Diese Energie und auch die Lust an der Auseinandersetzung und der Unperfektionismus: Das fehlt im linken politischen Spektrum, meint Raschke. Und ich tendiere dazu, ihm Recht zu geben. Und fühle mich ertappt, denn ich selber bin ja auch eher so, dass ich sorgfältig abgewägte Argumente austauschen möchte. Nein! Sagt Raschke. Nicht alles muss immer hundertprozentig stimmen. In der Auseinandersetzung mit den anderen findet sich dann schon das richtige. Solange wir alle mitnehmen und niemanden ausschließen, wie es beim Pogo eben der Fall ist. Er beschreibt es so:

"Populismus ist wie ein Konzert im Ausnahmezustand. Die Halle ist überfüllt, die Luft klebt, die Menge drängt nach vorn. Irgendetwas gerät in Bewegung. Jede:r spürt die Energie, den Druck, den Rhythmus. Manche wollen nur hören, andere wollen mitsingen, wieder andere wollen auf die Bühne stürmen. Populismus ist diese kollektive Verdichtung: viele Stimmen, die sich zu einem „Wir“ formieren.
(...)
Rechter Populismus reagiert darauf, indem er die Konzerthalle abgrenzt: „Nur wir gehören hinein. Wer anders klingt, wird ausgeschlossen.“ Er will ein homogenes Publikum, das im Chor denselben Refrain ruft. Am Ende ist das Gleichschaltung. "

Marc Raschke gibt etliche Beispiele davon, wo so etwas funktioniert hat – oder manchmal auch nicht so gut gelaufen ist. Fridays for Future, Gavin Newsom , Zohran Mamdani und weitere. Diese bringen ihre Botschaften klar auf den Punkt – und zögern auch nicht, sich im Wortsinn körperlich dafür einzusetzen. Da zu sein. In die Auseinandersetzung zu gehen.

An vielen weiteren Beispielen – unter anderem Robert Habeck, Christoph Schlingensief (echt jetzt? Nun gut) und das Zentrum für Politische Schönheit – zeigt Raschke auf, was er mit „Pogo in der Politik“ meint. Nicht immer verstehe ich ganz, worauf er hinaus will. Vielleicht liegt es an meiner fehlenden Pogo-Erfahrung. Aber was ich verstehe: Konflikt ist erst einmal nichts Schlimmes, im Gegenteil. Hier liegt die Energie. Daraus kann etwas Neues entstehen. Solange wir darauf achten, dass niemand am Boden liegenbleibt.

So ganz genau weiß ich noch nicht, was ich mit diesem Buch anfangen soll. Es ist mir unbequem. Aber irgendwie glaube ich, er hat Recht: Was wir brauchen, ist nicht immer die Suche nach dem Kompromiss in irgendeinem Ausschuss. Sondern die Lust an der Auseinandersetzung, am Streit um den richtigen Weg. Solange dabei klar ist: Niemand wird am Boden liegen gelassen.

Für mich auf jeden Fall fünf Punkte wert, denn dieses Buch bringt für mich wirklich neue Ideen in die politischen Landschaft. Danke dafür!

Kuschelpunkte
Buchinformationen

Marc Raschke, Lisa Müller (Editor): Mehr Pogo wagen: Wie progressiver Populismus die Demokratie beleben kann. Taschenbuch, 134 Seiten, Bod - Books on Demand

Sprache (gelesen)
Deutsch
Sprache (Original)
Deutsch

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